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Schöner schreiben über Lesben und Schwule

Die Broschüre "Schöner schreiben über Lesben und Schwule"

Broschüre “Schöner Schreiben über Lesben und Schwule”

Wenn Lesben und Schwule Beiträge über sich in der Zeitung lesen oder im Fernsehen schauen, kommen sie manchmal aus dem Staunen nicht heraus. Egal ob Boulevard, Qualitätspresse oder Nachrichtenagenturen: Regelmäßig gibt es Schlagzeilen über das „Homosexuellen-Milieu“ und ungelenke Formulierungen wie „Homosexuelle und Lesben“ oder „bekennende Schwule“, die zeigen, dass es in vielen Redaktionen noch nicht so unverkrampft zugeht, wie mancher annimmt.

Der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen hat 2011 ein Faltblatt zu diesem Thema mit acht Praxisbeispielen veröffentlicht. In Zusammenarbeit mit der Akademie Waldschlösschen folgt nun eine wesentlich umfangreichere Fassung, die neben den Praxisbeispielen auch kurze Texte zur Einordnung von Formulierungen und ein kleines Glossar enthält. Mit dieser Neuauflage wollen wir weiterhin unsere KollegInnen ermuntern: Schreiben Sie über Lesben und Schwule – aber denken Sie dabei auch an die Wirkung Ihrer Texte! Die folgenden Informationen sollen eine kleine Hilfe im Arbeitsalltag sein.

Die Broschüre ist in der Edition Materialien Waldschlösschen erschienen und steht auch als PDF-Datei zur Verfügung.

Homosexuelle und Lesben

Erstaunlich häufig wird “homosexuell” mit “schwul” gleichgesetzt. Dabei ist das geschlechtsneutrale Wort “Homosexuelle” der Überbegriff für Schwule und Lesben.

Richtig: “Schwule und Lesben”

Anne ist eine bekennende Homosexuelle

Man bekennt sich zu einer Straftat, zu einer Sünde oder einem Glauben. Homosexualität ist nichts davon, die Zeiten des § 175 StGB sind vorbei. Auch wenn das Wort Bekenntnis im allgemeinen Sprachgebrauch Weiterungen erfahren hat (u.a. „bekennender Fußballfan“), bleibt es doch ein unpassender Begriff. Unabhängig davon ist es nach wie vor relevant, wenn sich jemand selbstbewusst geoutet hat. Wichtig: Sind Menschen offen schwul oder lesbisch, dann ist die mediale Wiedergabe dieser Information nicht indiskret! Geben sich Homosexuelle nicht zu erkennen, werden sie automatisch für hetero gehalten.

Vorschlag: “Anne lebt offen lesbisch”. Noch besser: Beiläufig erwähnen wie bei Heterosexuellen: „Annes Lebensgefährtin ist …“, „Anne hat ihre Traumfrau noch nicht gefunden…“

Moritz hatte sein Outing

Dieser Begriff hat ebenfalls diverse Sinnerweiterungen durchlaufen: Outen kann man sich heutzutage auch als Vegetarier. In Bezug auf Lesben und Schwule gibt es da allerdings feine Unterschiede, selbst wenn die Begriffe Coming-out und Outing häufig als Synonym verwendet werden. Das Coming-out bezeichnet einen persönlichen, selbstbestimmten Prozess: Jemand klärt seine Angehörigen, seine Umgebung (oder aber die Öffentlichkeit) über seine sexuelle Orientierung auf. Von „Outing“ dagegen spricht man, wenn eine fremde Person die sexuelle Orientierung eines Menschen öffentlich macht. Ein für die betroffene Person wesentlicher Unterschied.

Richtig: „Hape Kerkeling und Alfred Biolek wurden von Rosa von Praunheim geoutet.“; „Klaus Wowereit hatte sein öffentliches Coming-out auf dem SPD-Parteitag.“

Moritz hat sich geoutet

In der Reflexivform ist das Verb korrekt, da die Selbstbestimmtheit ausgedrückt wird.

Das ist gut so.

„Schwul“, „lesbisch“ oder „homosexuell“?

Die Adjektive „schwul“ und „lesbisch“ werden von einigen Heterosexuellen als Schimpfwort empfunden. Schwule und Lesben sehen diese Worte hingegen als selbstverständliche Beschreibung ihrer sexuellen Identität. Deshalb nur Mut.

Das darf man ruhig schreiben: „schwul“, „lesbisch“, „homosexuell“.

Überzeugte Lesbe

Doppel-Diskriminierung von Lesben. Die Formulierung beinhaltet das Bild der sexuell passiven Frau, die erst durch einen Mann zu ihrer Sexualität finden kann. Die übergriffige Frage, ob es eine Lesbe denn je mit einem Mann probiert habe (der sie „bekehren“ könne), ist immer noch alltäglich. In manchen Fällen werden diese Worte für Frauen verwendet, die niemals eine sexuelle Beziehung oder Begegnung mit einem Mann hatten und dies für sich ausschließen. Die Formulierung impliziert eine Umkehrbarkeit der sexuellen Orientierung durch äußere Einflussnahme. Viele Lesben empfinden diesen Begriff als Beleidigung.

Vorschlag: Lesbe. „Anna lebt schon immer lesbisch.“ oder „Anna, die zehn Jahre mit einem Mann verheiratet war, hatte mit 40 ihr Coming-out als Lesbe.“

Im Homosexuellen-Milieu

Dieser Terminus ist sprachlicher Unsinn. Was oder wo soll dieses Milieu denn sein: die Stadt Köln, der Eurovision Song Contest oder gar das Amtszimmer einer lesbischen Politikerin? Solche Phrasen verunglimpfen Homosexuelle kollektiv, ganz so, als wären Lesben und Schwule wie Kriminelle in einer Art Rotlichtviertel organisiert. Kaum jemand würde über eine „Gewalttat im Lehrermilieu“ oder einen „Doppelmord im Hetero-Milieu“ berichten. Dass „Milieu“ auch ein soziologischer Begriff ist, wissen wir. Doch Autoren wollen mit reißerischen Schlagzeilen dieser Art wohl kaum eine soziologische Präzision zum Ausdruck bringen. Zudem ist es gerade ein Ergebnis dieser Studien, dass Homosexuelle in jedem Milieu vorkommen.

Vorschlag: Statt „Mord im Homosexuellen-Milieu“: „Schwuler Mann ermordet“ (falls das Schwulsein für die Geschichte überhaupt von Bedeutung ist). Statt „Ein Mann aus dem Homosexuellen-Milieu“ einfach: „Ein Schwuler.“

Homo, Homo-

Das Wort „Homo“ als Synonym für einen schwulen Mann, selten für eine lesbische Frau, klingt despektierlich. Als Präfix kann das Wort Homo unter Umständen kurz und prägnant den Sachverhalt verdeutlichen (siehe weitere Textbeispiele)

Vorschlag: Schwuler, Homosexueller. Als Präfix: schwul-lesbisch/lesbisch-schwul.

Ehefrau, Ehemann, „sind verheiratet“

Über die Gleichstellung von (gleichgeschlechtlichen) Lebenspartnerschaften mit der (heterosexuellen) Ehe wird seit langer Zeit eine emotionale Debatte geführt. Einerseits sprechen viele Lesben und Schwule ganz bewusst von „Hochzeit“, nennen ihre PartnerInnen „Mann“ und „Frau“ und formulieren damit ihren Anspruch auf Gleichbehandlung. Andererseits suggeriert die Verwendung klassischer Begriffe der Ehe eine Gleichstellung, die es so nicht gibt. Solange irgendeine Art der Unterscheidung zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft gilt, bleibt es journalistisch korrekt, diese Diskriminierung durch den Einsatz der im Standesamt verwendeten Worte deutlich zu machen.

Vorschlag für die Beschreibung des Status quo: „Lebenspartnerin“, „Lebenspartner“, „sind verpartnert“ oder auch: „dürfen nicht heiraten“.

Homo-Ehe

Über die Zulässigkeit des plakativen Begriffs „Homo-Ehe“ gibt es unterschiedliche Ansichten. Zum einen kann das Präfix „Homo“ als herabwürdigend verstanden werden (siehe Praxisbeispiel Homo, Homo-). Zum anderen handelt es sich bei der Lebenspartnerschaft eben nicht um eine Ehe (und wenn die vollständige Öffnung der Ehe für Homosexuelle Realität werden sollte, wird der Begriff überflüssig). Vor diesem Hintergrund halten wir den Begriff dann für zulässig, wenn darunter nicht die Lebenspartnerschaft, sondern die völlige Gleichstellung von homosexuellen mit heterosexuellen Ehen verstanden wird, obwohl es eigentlich bessere Formulierungen gibt.

Kein Synonym für „Lebenspartnerschaft“! Aber zulässig bei der Forderung nach Gleichstellung: „Angela fordert Homo-Ehe“; besser: „Angela fordert Öffnung der Ehe für Homosexuelle“.

Homo-Verdacht / Homo-Vorwurf

Vokabeln mit diskriminierendem Unterton. Die Begriffe „Verdacht“ und „Vorwurf“ haben eine klar negative Konnotation: Als wäre Homosexualität ein Verbrechen, eine Krankheit oder etwas Geheimzuhaltendes.

Vorschlag: Diskussionen/Spekulationen über sexuelle Orientierung.

Schwulen-Parade

Beim Christopher Street Day wird u.a. die Vielfalt der Community gezeigt, was journalistisch berücksichtigt werden sollte. Der Begriff „Schwulen-Parade“ ist eine Formulierung, die alle anderen TeilnehmerInnen diskriminiert. Die Vernachlässigung von Lesben, Transsexuellen und Transgendern in der Bild-Berichterstattung bzw. im Beitragstext ist ein häufiger Fehler in Berichten über CSDs. Sicherlich stechen einige DemonstrantInnen aus der Masse hervor; sich bei der Berichterstattung auf diese zu beschränken, wird dem Charakter der Veranstaltung jedoch nicht gerecht.

Vorschlag: „CSD-Parade“, „CSD-Demonstration“, „Regenbogenparade“. Frauen aufs Bild!

Schrille Party / Schrille Parade

Trotz lauter Musik und ausgelassener Stimmung darf nicht vergessen werden, dass bei den Paraden anlässlich des Christopher Street Days viele Menschen auf die Straße gehen, um für Gleichstellung und gegen Homophobie zu demonstrieren. Dass dabei ebenso bisher erreichte Ziele gefeiert werden, tut dem keinen Abbruch.

Vorschlag: Auf die politischen Forderungen eingehen.

Rosa

Abgegriffenes Klischeesymbol, das schwule Männer in der heterosexuellen Welt verächtlich machen soll. Noch heute setzen regelmäßig Boulevard-Medien Homosexuelle betreffende Meldungen in einen rosa Kasten. Auch hier gilt: in satirischem Kontext zulässig.

Vorschlag: schwul.
Pressemitteilung zum Leitfaden

 

Ergänzungen

“offen schwul”

“wegen Homosexualität getötet/bestraft”

Tipp: Glossar der Aktion “anders und gleich”

Trans*-Experte über Sprache: “Denken im Genitalraster”

 

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