Medienpreis

Peter Gerhardt gewinnt
Felix-Rexhausen-Preis 2016

Auszeichnung für Fernseh-Feature über Homophobie in Europa

Peter Gerhardt gewinnt den Felix-Rexhausen-Preis 2016; Foto: Axel Bach

Peter Gerhardt gewinnt den Felix-Rexhausen-Preis 2016; Foto: Axel Bach

Man hat sich fast schon gewöhnt an die Bilder von schwadronierenden Politikern, repressiven Polizisten und brutalen Hooligans aus Ländern wie Litauen, Russland oder Ungarn, die eines eint: der Hass auf homosexuelle Menschen. Bei uns könnte das so nicht passieren, mögen sich viele trösten – und werden von Peter Gerhardt eines Besseren belehrt. Er zeichnet ein differenziertes Bild von Ressentiments und Gewalt, die homosexuellen Menschen auch in Westeuropa entgegenschlagen. Für sein Fernseh-Feature ist der Autor am 11. September 2016 vom Bund Lesbischer und Schwuler Journalistinnen (BLSJ) mit dem Felix-Rexhausen-Preis 2016 ausgezeichnet worden.

Das Stück ist zum einen hervorragend recherchiert. Zahlreiche Daten und Fakten zur Homophobie in Europa werden mit vielfältigen Fallbeispielen und Statements zu einer dichten Beschreibung des Problems verwoben. Opfer homophober Attacken kommen ebenso zu Wort wie selbsternannte Tugendwächter aus der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft. Dabei ist es journalistisch besonders stark, wie Peter Gerhardt geistige Brandstifter und vermeintliche Intellektuelle dazu bringt, sich selbst zu entlarven, und gleichzeitig klare Verbindungslinien zeichnet zwischen vordergründig bürgerlichem Protest und brutaler Gewalt.

2. Platz für Lisa Altmeier und Sebastian Meinberg beim Felix-Rexhausen-Preis 2016 (nicht im Bild: Ariane Alter); Foto: Axel Bach

2. Platz für Lisa Altmeier und Sebastian Meinberg beim Felix-Rexhausen-Preis 2016 (nicht im Bild: Ariane Alter); Foto: Axel Bach

Auch die beiden anderen nominierten Beiträge lobt die Felix-Rexhausen-Jury ausdrücklich. Ariane Alter, Lisa Altmeier und Sebastian Meinberg gehen in einer zweiteilige Reportage-Reihe der Frage nach: “Wie leben Trans-Jugendliche im Jahr 2016?” Über mehrere Monate folgen die MacherInnen dem Trans-Mann Jim sowie der Trans-Frau Feli. Entsprechend tiefgründig sind die Einblicke in die komplexe Situation der Jugendlichen.

Den 3. Platz belegt Sonja Hartwig. Sie geht der Frage nach: Was braucht die erste Generation offen homosexueller Menschen im Alter? Sie erzählt die Geschichte des 78-Jährigen Egon. Das Besondere an dem Text ist seine ungewöhnliche Form. Die Autorin kommt mit wenigen kurzen erklärenden Zwischentexten aus. Ansonsten sprechen Egon und sein Umfeld: seine jungen schwulen Freunde, seine alten MitbewohnerInnen, PflegerInnen und die Heimleitung – eine Reihe von Zitaten, die sich zu einem Bild fügen. Im Heim sind Krankheiten das Thema. Oder Kinder und Enkelkinder. Aber nicht: Homosexualität.

Außerdem vergibt die Jury einen undotierten Sonderpreis an Steffen Jan Seibel und Tania Witte. In ihrer regelmäßigen Kolumne “Andersrum ist auch nicht besser” nehmen sie ihren Alltag, ihre Beziehungen, die Szene und die heterosexuelle Umwelt aufs Korn.

Jury des Felix-Rexhausen-Preises 2016: von links: Falk Steinborn, Dr. Petra Werner, Arnd Riekmann, H. Marie Breer, Andrea Lueg, Sefa İnci Suvak, Dr. Lars Rinsdorf; Foto: Axel Bach

Jury des Felix-Rexhausen-Preises 2016:
von links: Falk Steinborn, Dr. Petra Werner, Arnd Riekmann, H. Marie Breer, Andrea Lueg, Sefa İnci Suvak, Dr. Lars Rinsdorf; Foto: Axel Bach

“Diese Beiträge möchten wir allen Menschen zum Nachlesen und Sehen ans Herz legen. Und für Journalisten können sie Vorbild für die eigene Berichterstattung über lesbische und schwule Themen sein”, so Jury-Mitglied Arnd Riekmann.

Der Felix-Rexhausen-Preis 2016 wurde an diesem Sonntag in Frankfurt am Main überreicht. Die drei Auszeichnungen sind mit einem Preisgeld von insgesamt 1000 Euro dotiert. Der BLSJ vergibt den Preis seit 1998 jedes Jahr und würdigt damit ein besonderes publizistisches Engagement bei der Berichterstattung über Lesben, Schwule und Bisexuelle.

 

Pressemitteilung als PDF

Ausführliche Begründungen der Jury über die Gewinner-Beiträge und den Sonderpreis

Hinweis: Die Fotos können Sie auch in Druckauflösung anfordern: a.bach@blsj.de

 

Kurz-Begründungen der Jury

Peter Gerhardt (1. Platz):
Gleiche Liebe, falsche Liebe?!? – Homophobie in Europa
in: Arte (12.05.2015)

Man hat sich fast schon gewöhnt an die Bilder von schwadronierenden Politikern, repressiven Polizisten und brutalen Hooligans aus Ländern wie Litauen, Russland oder Ungarn, die eines eint: der Hass auf homosexuelle Menschen. Bei uns könnte das so nicht passieren, mögen sich viele Zuschauer trösten – und werden von Peter Gerhardts Feature eines Besseren belehrt. Es zeichnet ein differenziertes Bild von Ressentiments und Gewalt, die homosexuellen Menschen auch in Westeuropa entgegenschlagen. Peter Gerhardt ist ein hervorragendes Stück politischen Journalismus’ gelungen, das im besten Sinne des Wortes irritiert. Er macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, dass Gleichstellung und Freiheitsrechte keine Selbstverständlichkeit sind, sondern täglich neu verteidigt und erkämpft werden müssen.

Ariane Alter, Lisa Altmeier, Sebastian Meinberg (2. Platz)
Im falschen Körper geboren? – Was es heißt, Transgender zu sein
in: Puls, Bayerischer Rundfunk (03.07.2015)

Wie leben Trans-Jugendliche im Jahr 2016? Dieser Frage geht die zweiteilige Reportage-Reihe von Lisa Altmeier und den beiden Reportern Ariane Alter und Sebastian Meinberg nach. Über mehrere Monate folgen die MacherInnen dem Trans-Mann Jim sowie der Trans-Frau Feli. Entsprechend tiefgründig sind die Einblicke in die komplexe Situation der Jugendlichen. Bemerkenswert ist dabei der Tonfall der Reportage: Reporterin und Reporter begegnen den beiden auf Augenhöhe. Die Zuschauer bekommen einen Einblick in das Leben zweier Jugendlicher, die zwar trans sind, aber eben nicht nur. Da gehört es ganz selbstverständlich dazu, über Liebe und Sexualität zu reden. Oft wird dies in der Berichterstattung ausgespart und die Trans-Thematik auf ein medizinisches Phänomen oder eine psychische und soziale Herausforderung reduziert.

Sonja Hartwig (3. Platz)
Er sagte es ohne Hemmungen
in: Süddeutsche Zeitung Magazin (01.12.2015)

SZ-Autorin Sonja Hartwig erzählt die Geschichte von Egon. Er ist 78 Jahre alt und brauchte in seinem Leben lange, bevor er zu seinem Schwulsein stehen konnte. Seit einem Schlaganfall, muss er mit Menschen seiner eigenen Generation im Heim leben und dort ein zweites Coming-out wagen. An diesem Prozess lässt uns Hartwig feinfühlig teilhaben. Dabei kommt sie mit wenigen kurzen erklärenden Zwischentexten aus. Ansonsten sprechen Egon und sein Umfeld: seine jungen schwulen Freunde, seine alten MitbewohnerInnen, PflegerInnen und die Heimleitung. Warum es für Egon bei den Alten manchmal so schlimm ist wie damals, als er jung war, lässt der Text spüren, ohne jemals platt zu erklären. Was braucht die erste Generation offen homosexueller Menschen im Alter? Sonja Hartwig bietet darauf keine Antwort, aber sie hat die Frage mit Leben gefüllt.

 

Sonderpreis für Steffen Jan Seibel und Tania Witte

Kolumne: Andersrum ist auch nicht besser
in: Zeit Online, (regelmäßig)

Es geht um Muskelschwule mit Malteser-Hündchen und Lesben mit dreibeinigem Dackel, um eine mysteriöse Fähigkeit, mit deren Hilfe Homosexuelle andere Homosexuelle orten, und um den symbiotischen Look, der Homos in Beziehungen schneller ereilt als Heteros. Steffen Jan Seibel und Tania Witte wechseln sich auf “Zeit Online” in loser Folge dabei ab, ihren Alltag, ihre Beziehungen, die Szene und die heterosexuelle Umwelt unter die Lupe zu nehmen. Ihre Texte sind witzig, derb und selbstironisch – die Jury des Felix-Rexhausen-Preises hat beim Lesen viel gelacht und zeichnet Steffen Jan Seibel und Tania Witte mit einem Sonderpreis aus.

Felix Rexhausen

Felix Rexhausen, der Namenspatron des Preises, wurde 1932 in Köln geboren und starb vor 20 Jahren in Hamburg. Zusammen mit Carola Stern und Gerd Ruge war er Mitbegründer der deutschen Sektion von Amnesty international und arbeitete für den Rundfunk sowie für Zeitungen und Zeitschriften. Schon zu Zeiten, als noch der alte Paragraf 175 galt, trat Rexhausen selbstbewusst als schwuler Journalist auf, indem er die Lebensumstände homosexueller Männer eindringlich, aber auch ironisch und selbstkritisch thematisierte. Die Stadt Köln hat einen Platz nach Felix Rexhausen benannt.
Mit dem mit insgesamt 1000 Euro dotierten Preis erinnert der BLSJ an Felix Rexhausen.