Outing

12 Arten des Outens

1. Klassisches Outing

Outing als Selbstzweck.
Im Dezember 1991 ist Rosa von Praunheim Gast bei „RTL Explosiv“ und outet Hape Kerkeling und Alfred Biolek.

2. Folge-Outing

Berichterstattung über Outing, oft gepaart mit öffentlicher Entrüstung.
(„Bild“ am 12. Dezember 1991: „Pfui, Rosa! Schwulenverrat im TV – Hape Kerkeling zum Geständnis gezwungen: Ja, ich bin schwul!“). Ähnlich die „Bild“-Reaktion, als Harald Schmidt in seiner Late Night-Show Bettina Böttinger outete.

3. Täter-Outing

Outing von Straftätern.
„Hamburger Morgenpost“ vom 27. März 1995: „Wiens Erzbischof Kardinal Hans Hermann Groer soll während seiner Zeit als Direktor des Knabenseminars im niederösterreichischen Hollabrunn einen Jungen sexuell missbraucht haben.“ Ähnlich gelagert der Fall von Heinz Eggert, damals Innenminister in Sachsen, der männliche Mitarbeiter sexuell belästigt haben soll. Für die Tat selbst gilt die Unschuldsvermutung, die sexuelle Orientierung wird als Zugabe unwiderruflich mitgeliefert.

4. Opfer-Outing

Outing der Opfer von Straftaten.
„Bild“ am 17. September 1990: „Walter Sedlmayr ist tot. Als er gefunden wurde, lag er im Bett auf dem Bauch. Die Polizei rekonstruierte: Der Täter muss sich ihm von hinten genähert haben. Die Polizei sucht den Mörder im Homosexuellen-Milieu. Denn erst Sedlmayrs Tod offenbarte schlagartig das Doppelleben des großen Volksschauspielers. Er konnte nur Männer lieben.“

5. Homophoben-Outing

Outing von Menschen, die sich schwulen- oder lesbenfeindlich verhalten.
(Michael Kühnen, nie umgesetzte österreichische Outing-Kampagne von 1995 gegen die katholische Kirche und konservative Politiker)

6. Denunzierendes Outing

Outing mit dem Ziel, einer Person zu schaden.
(Ernst Röhm, Günter Kießling).

7. Posthumes Outing

Outing historischer Personen – aus Zeiten, als es das Wort „schwul“ noch gar nicht gab.
Reihenweise zum Beispiel im Buch „Mann für Mann, Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum“ von Bernd-Ulrich Hergemöller. Erwähnt werden u.a. Karl May, Immanuel Kant.

8. Pseudo-Outing

Sensationsbericht über eine Person, die sich gar nicht versteckt.
„Bild“-Aufmacher am 27. April 1999: „Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts: Ja, ich liebe Frauen“. Dabei hatte Folkerts schon 1998 in einem Interview der „Hamburger Morgenpost“ auf die Frage: „Sie engagieren sich stark für homosexuelle Aktionen.“ geantwortet: „Ja, ich war gerade auf dem Christopher Street Day. Ich stehe dazu und die Leute reagieren durchaus positiv.“ Kurz zuvor hatte der „Stern“ mit Einverständnis der Schauspielerin über ihre Beziehung zu einer Frau geschrieben.

9. Insider-Outing

Outing nur für Eingeweihte.
Giovanni di Lorenzo am 14. April 1993 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Matthias Wissmann führt nicht das Privatleben eines durchschnittlichen schwäbischen Familienvaters. Das ist sein gutes Recht, und sich dazu zu bekennen wäre schon alleine deswegen sinnvoll, um den Gerüchten ein für allemal die Spitze zu nehmen: ‚Nicht einmal der dümmste Macho in der Partei‘, sagt ein ihm nahestehender CDU-Politiker, ‘könnte ihm dann den Respekt versagen’.“
Ähnlich Jan Feddersen in der „taz“ über Ole von Beust („eingefleischter Junggeselle“).

10. Szene-Outing

Outing in Szene-Medien.
Micco Dotzauer in „hinnerk” 05/1999: „Dass im La cage aux folles aufs Wildeste abgefeiert werden kann, ist längst bekannt. Nun scheint das auch Prinz Frederic von Anhalt (ja der, der mit Zsa Zsa Gabor verheiratet ist) spitz bekommen zu haben und tauchte unlängst in Begleitung eines jüngeren „Boys“ auf. Doch der Prinz hatte an diesem Abend Pech: Auf dem Heimweg wurde er überfallen und um einige blaue Scheinchen erleichtert. Die hätte er doch lieber anderweitig ausgegeben…“

11. Outing-Eigentor

Screenshot Focus online

Screenshot der Archivseite des Focus Magazins vom 9. November 1998

Vom „Opfer“ selbst angestoßene Berichterstattung.
Die Behauptung, Tagesschau-Sprecher Jens Riewa sei schwul, war im Buch „Out!“ von Axel Schock und Karen-Susan Fessel in einem Nebensatz versteckt und stand nur in der Erstauflage (rund 3000 Exemplare). So blieb sie von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Erst als Riewa wegen der, wie er sagt, falschen Behauptung auf eine fünfstellige Schadenersatzsumme klagte, kam er damit groß in die Presse. In einem „Focus“-Interview („Ich bin nicht schwul“) äußerte sich auch Riewa selbst öffentlich zum Thema.

12. Outender Klatsch

Meist unveröffentlichte Szene-Gerüchte – vor allem über gutaussehende Stars wie Leonardo DiCaprio oder Matt Damon.

Die Diskussion der Kategorien zeigte, dass die Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer keine Bedenken gegen die meisten der genannten Outing-Methoden hatten. Es bestand das Bedürfnis nach einem Meinungsbild. Klar abgelehnt wurde klassisches Outing. Nur drei der 14 Anwesenden sprachen sich dafür aus. Die anderen Kategorien sind aber erlaubt, fand die große Mehrheit der 14 Anwesenden. Das Outen von Homophoben und posthumes Outing fanden sogar alle moralisch richtig. Drei Stimmen sprachen sich gegen Pseudo-Outing und Insider-Outing aus. Umstrittener war nur outender Klatsch: Vier Gegenstimmen, zwei Enthaltungen, aber immerhin acht fanden auch das in Ordnung.

Ach, wo wir schon dabei sind: In Wien soll es gerade das Klatschthema sein, dass der Jaguar eines sehr bekannten FPÖ-Rechtsauslegers angeblich regelmäßig vor der Wohnung eines in Wien studierenden Ghadafi-Sohns parkt.

Der Autor:
Werner Hinzpeter war Redakteur beim STERN in Hamburg und leitete auf der Bundeskonferenz des BLSJ im Jahr 1999 den Workshop “Outing – ein Tabu”. Heute ist Hinzpeter stellvertretender Chefredakteur bei der Stiftung Warentest.