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Podiumsdiskussion

Scheuen Lesben die Öffentlichkeit?

Lebhafte Diskussion beim BLSJ-Podium

50 Interessierte folgten der Podiumsdiskussion “Für das Recht auf angemessene Berichterstattung! Wie Medien über Lesben und Schwule berichten”; Foto: Axel Bach

Drängen Schwule die Lesben in der öffentlichen Wahrnehmung an den Rand? Oder sind die Lesben gar selbst schuld, weil sie zu oft den Fokus der Öffentlichkeit scheuen? Um diese und weitere Fragen ging es bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel “Für das Recht auf angemessene Berichterstattung! Wie Medien über Lesben und Schwule berichten”, veranstaltet vom BLSJ und dem Netzwerk lesbischer Fach- und Führungskräfte “Wirtschaftsweiber”. 50 Zuhörerinnen und Zuhörer waren dafür in die Zentrale des Bayerischen Rundfunks (BR) in München gekommen, um der von BR-Redakteur Peter Jungblut moderierten Diskussion zu folgen.

Elke Amberg stellte die Ergebnisse ihrer Studie vor; Foto: Axel Bach

Zu Beginn der Debatte stellte die Münchner Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg einige Ergebnisse ihrer Studie “Schön, stark, frei! Wie Lesben in den Medien (nicht) dargestellt werden” vor. Amberg hat, unter anderem unterstützt vom BLSJ, Artikel über Lesben und Schwule in Münchner Tageszeitungen aus dem Jahr 2009, ausgewertet. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass Lesben in der Berichterstattung weitgehend ausgeblendet werden. Eine vergleichbare Analyse des deutschen Print-Marktes hatte es bis dahin nicht gegeben.

Podiumsteilnehmer Ralph Poole, Professor an der Universität Salzburg, nannte die Studie denn auch “bahnbrechend”. Er verwies auf ähnliche Studien in anderen Ländern: “In den USA sieht es ganz anders aus. Dort sind lesbische Storys viel häufiger; es gab sie auch schon, bevor es Storys über Schwule gab. Es herrscht dort ein stärkeres Bestreben nach einer differenzierten Berichterstattung.”

 

AZ-Lokalchef Michael Schilling zeigte die Druckfahne der Zeitung des nächsten Tages; Foto: Axel Bach

Michael Schilling, Lokalchef der Münchner Abendzeitung (AZ), betonte mehrfach, dass seine Redaktion häufig Schwierigkeiten habe, lesbische Protagonistinnen für Texte und Fotos zu gewinnen. Am Beispiel der AZ-Ausgabe vom darauffolgenden Tag, die anlässlich des CSD München verschiedene Homosexuelle – mehrheitlich Schwule – zitierte, sagte Schilling: “Wir haben nicht mehr Lesben gefunden.” Dass in Überschriften oftmals nur Schwule erwähnt würden, erklärte er mit redaktionellen Zwängen: “Wenn wir nur wenig Platz für die Überschrift haben, dann ist das Wort ‘homosexuell’ einfach häufig zu lang.”

“Man kann nicht leugnen, dass Lesben die Öffentlichkeit scheuen”, räumte Elke Amberg ein. Ihre Studie verstehe sich da als Anstoß zur Diskussion. Bei dieser Diskussion dürfe man allerdings nicht vergessen, dass Lesben sich nach wie vor in einer gesellschaftlich schwierigen Situation befänden. Sei es, weil sie sich in einer wirtschaftlich abhängigeren Situation befänden oder sie sich in der Artikulation ihrer Rechte eher als Randerscheinung der Frauenbewegung wahrgenommen würden.

Ralph Poole von der Uni Salzburg; Foto: Axel Bach

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, bei der einerseits von TeilnehmerInnen aus dem Publikum der Eindruck bestätigt wurde, dass Lesben deutlich schwieriger für Geschichten zu gewinnen seien. Andererseits erzählten mehrere Teilnehmerinnen von negativen Erfahrungen im Umgang mit der Presse und betonten, dass die Bereitschaft schon vorhanden sei. Das veranlasste den Moderator der Diskussion, Peter Jungblut, sich bei Michael Schilling zu erkundigen, wo er denn bitteschön für seine Storys angefragt habe. Ralph Poole von der Uni Salzburg appellierte, dass die Diskussion nicht darauf hinauslaufen sollte, dass die Schwulen an der medialen Benachteiligung der Lesben schuld seien, weil sie diese an den Rand drängten.
 

Rexhausen-Preis-Gewinnerin Steffi Illinger mit Moderator Peter Jungblut; Foto: Axel Bach

Die BR-Autorin und Gewinnerin des Felix-Rexhausen-Preises 2011, Steffi Illinger, betonte, dass es immer ein gewisses Vertrauen in die Arbeit eines Journalisten brauche, wenn man sich auf eine Geschichte einlasse. Sie bestätigte, dass es in der Vergangenheit deutlich weniger Geschichten über Lesben gegeben habe als über Schwule. “Aber lesbische Themen sind möglich geworden.”

BLSJ-Vorstand Axel Bach hatte zuvor in einem kurzweiligen historischen Rückblick auf die oft unrühmliche Rolle der Medien in der Berichterstattung über Lesben und Schwule hingewiesen und dabei auch den Bayerischen Rundfunk nicht verschont. “Dass wir heute hier beim BR zu Gast sein dürfen”, sagte Bach, ”freut mich umso mehr.” Auch Sabine Reeh, Leiterin der BR-Redaktion Kulturberichte und Kulturpolitik, betonte den Wandel in ihrem Haus: “Der Rexhausen-Preis hat dazu sicherlich auch ein Stück beigetragen.”

Steffi Illingers Reportage “Traditionsbewusst, heimatverbunden, schwul. Eine ganz normale bayerische Volkstanzgruppe” über die “Schwuhplattler”, die 2011 mit dem Felix-Rexhausen-Preis ausgezeichnet wurde, wurde im Anschluss der Diskussion gezeigt.

Martin Munz